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"Jetzt braucht es einen Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft"

09.11.2016

Christoph Häne, Präsident von Regio Wil und Gemeindepräsident von Kirchberg will, dass jetzt die Zeit bis zum Entscheid über die Bundesfinanzierung aus dem Agglomerationsprogramm, effektiv und kreativ genutzt wird, um den Standort Wil West zu stärken.

Christoph Häne, aus Sicht der wirtschaftlichen Entwicklung legt das Agglomerationsprogramm einen Schwerpunkt gegen die drohende "funktionale Entleerung" unserer Region Richtung St. Gallen und Winterthur. Was ist genau damit gemeint?

Christoph Häne: Unsere Region hat viele Wohn- und Aufenthaltsqualitäten. Diese ziehen viele Menschen aus dem Raum Zürich, Winterthur oder St. Gallen an, hier zu wohnen und von hier aus zur Arbeit zu pendeln. Das birgt eine gewisse Gefahr, dass sich unsere Region immer mehr zur Schlafregion entwickelt, wenn wir es nicht schaffen, attraktive Arbeits- und Wirtschaftsangebote zu schaffen. Das kann nicht unser Ziel sein.

Im Entwicklungsschwerpunkt Wil West und dem angrenzenden Gloten sollen 2000 bis 3000 Arbeitsplätze entstehen. Werden die Lage und gute Erschliessung im zunehmenden Standortwettbewerb zu St.Gallen, Winterthur und Frauenfeld als Standortvorteile ausreichen?

Christoph Häne: Unsere Region ist ja bereits eine aktive und dynamische Wirtschaftsregion, doch der Standortwettbewerb verschärft sich tatsächlich laufend. Darum gilt es, den bestehenden Standard zu sichern und auszubauen. Die Wirtschaft zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen sind wichtige Grundlagen für den Wohlstand unserer Region. Politisch haben wir mit den eingereichten Infrastrukturprojekten beste Voraussetzungen für den ESP Wil West geschaffen. Jetzt gilt es, mit einem klaren Bekenntnis zur Region – von Politik, Behörden und der ansässigen Wirtschaft – dem Wirtschaftsstandort Wil West und der ganzen Region eine Identität zu geben und als starke Marke im Standortwettbewerb zu etablieren.

Der Verein Regio Wil hat in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ein Konzept zur Standort- und Wirtschaftsentwicklung erarbeitet und 4 Handlungsfelder definiert. Welches sind Ihrer Meinung die dringendsten Schritte, die jetzt getan werden müssen?

Christoph Häne: Das Bewusstsein der involvierten Gemeinden zu regionalem Denken und Handeln ist eine gute Voraussetzung und Rahmenbedingung für die gesunde Regionalentwicklung. Dieses "Wir-Gefühl" musst jetzt – gemeinsam mit der Wirtschaft – noch mehr gestärkt werden. Ganz wichtig ist dafür eine professionelle Kommunikation gegen innen und aussen, um das gemeinsame Bewusstsein für die Region und den Standort zu fördern. Ziel muss es sein, den Standort als wertvolles Produkt zu verstehen, das es klug zu vermarkten gilt. 

Welche Rolle spielt dabei der ESP Wil West?

Christoph Häne: Wil West überzeugt in vielfacher Hinsicht: Das Areal ist gut erschliessbar und bietet an zentraler Stelle Raum für Wirtschaft und neue Arbeitsplätze. Da dadurch der unkontrollierten Zersiedelung entgegengewirkt wird, ist das Projekt – im Rahmen des gesamten Agglomerationsprogramms – gerade auch in raumplanerischer Hinsicht vorbildlich. Mit seinen Vorzügen hat Wil West das Potenzial zu einem Leuchtturm-Projekt, das wir brauchen, um als attraktiver Standort auch über die Region hinaus wahrgenommen zu werden.

Wie sollte die sinnvolle Nutzung des Wirtschaftsstandorts Wil West dereinst aussehen?

Christoph Häne: Im Augenblick laufen Nutzungsanalysen, deren Erkenntnisse in den Gestaltungsplan einfliessen werden. Klar ist, dass sich das gesamte wirtschaftliche Umfeld –global, national und regional – seit der Verabschiedung des Masterplans wesentlich verändert hat: Man denke nur an die Folgen des starken Frankens oder der Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative. Das Nutzungskonzept muss auf die aktuelle und künftige Entwicklungen Rücksicht nehmen und flexibel genug sein, um relevante Bedürfnisse zu befriedigen.

Sind damit die Bedürfnisse der ansässigen Firmen aus Gewerbe und Dienstleistung gemeint oder geht es vor allem um die Ansiedlung von neuen Unternehmen?

Christoph Häne: Es geht stark darum, die Bedürfnisse der hiesigen Wirtschaft zu kennen und zu berücksichtigen. Neuansiedlungen bleiben sicher ein wichtiges Ziel. Dabei verfügt Wil West über einen wichtigen Joker gegenüber anderen Standorten, nämlich grosse, zusammenhängende Flächen, die gut erschlossen und so für mögliche Interessenten sehr schnell verfügbar sind.

Doch genauso wichtig ist die Entwicklung von innen: Also Räume zu schaffen für bereits ansässige Unternehmen, die auf dem Areal Wil West wachsen und gemeinsame Synergien nutzen wollen. Hier kann die regionale Wirtschaft mit eigenen Ideen einen grossen Beitrag leisten, um Wil West möglichst rasch sinnvoll zu beleben. Auch eine öffentliche Nutzung von Flächen in Wil West ist vorgesehen. Um sinnvolle, optimal aufeinander abgestimmte Lösungen zu schaffen, braucht es jetzt einen Schulterschluss zwischen Politik, Behörden und Wirtschaft. Gemeinsam sollten wir die Zeit bis zum Entscheid über die Bundesfinanzierung  aus dem Agglomerationsprogramm effektiv und kreativ nutzen und ein  professionelles Standortmarketing aufbauen.