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"Die Region braucht einen starken wirtschaftlichen Impuls."

20.06.2016

Welche Bedeutung hat Wil West als Arbeits- und Wirtschaftsstandort für die Region aus Sicht der Wirtschaft? Wir haben mit dem Präsidenten der Arbeitgebervereinigung AGV der Stadt und Region Wil, darüber gesprochen.

Herr Jäger; was sind die wichtigsten Ziele, die aktuell die Wirtschaft in der Region beschäftigen?

Bruno Jäger: Der Frankenschock vom vergangenen Jahr zeigt Wirkung – es wird gerade für produzierende Unternehmen immer anspruchsvoller, unter dem neuen Margendruck zu überleben. Die Regulierungsdichte nimmt kein Ende und wir müssen diese schädliche Entwicklung versuchen zu bremsen. Wir wollen uns dafür einsetzten, dass uns auch Betriebe in der industriellen Fertigung erhalten bleiben. Gerade für diese Sparte wird es immer anspruchsvoller, rentable Geschäftsmodelle zu betreiben. Wir befürchten eine schleichende Deindustrialisierung, dies gefährdet für die Region wichtige Arbeitsplätze.

Mit der Einreichung des Aggloprogramm 3. Generation dokumentiert die Region gegenüber dem Bund den Bedarf an Unterstützungsgelder für zusätzliche Verkehrsinfrastrukturen vor allem zur Entlastung der Stadt Wil und der angrenzenden Gemeinden? Wieso sind diese Investitionen aus Perspektive der Wirtschaft wichtig?

Bruno Jäger: Die Verkehrsprobleme in der Stadt und in der Umgebung Wil belasten die Wirtschaft und die Bevölkerung stark. Wir warten schon (zu)lange auf klare Konzepte seitens der Politik, wie die Herausforderung gelöst werden soll. Besonders die Verbesserung der Situation Grünaustrasse Wil ist dringlich. Die Politik ist hier gerade im Hinblick auf die Umsetzung des Aggloprogrammes gefordert, die Bevölkerung für diese dringliche Investition mit einer guten und umsichtigen Kommunikation zu gewinnen. Ein erneutes Scheitern einer solchen Vorlage wäre für die Region fatal. Mit dem Autobahnanschluss Wil West alleine lösen wir die Verkehrsprobleme nicht, sondern es braucht dringend die Grünaustrasse.

Warum soll der Bund gerade in die Region Wil investieren? Wo sehen Sie die künftigen wirtschaftlichen Chancen und Potentiale der Region?

Bruno Jäger: Wir stehen als Region in einem harten Standortwettbewerb. Die Gebiete auf der Achse Zürich – Winterthur – St.Gallen wachsen stark. Die Region Wil liegt an einem idealen Verkehrsknotenpunkt, der zusätzlich die Achse Wattwil – Bodensee optimal erschliesst. Wil bildet von St. Gallen her das Tor zur wachsenden Wirtschaftsregion Zürich. Die Region verfügt dank guten Firmen, die die Berufsbildung fördern, über grosses Potenzial.

Mit Wil West soll die Wirtschaft künftig an einem hervorragend erschlossenen Ort neue Flächen erhalten? Einerseits soll für die bestehenden Unternehmen zusätzlichen Expansionsraum geschaffen werden, andererseits sollen Flächen für Neuansiedelungen bereitgestellt werden. Braucht die regionale Wirtschaft Wil West?

Bruno Jäger: Die Region braucht einen starken wirtschaftlichen Impuls, um ihre wichtige regionale Zentrumsfunktion zu sichern. Die Idee eines ETH-Campus Wil auf dem Areal hatte wohl nicht wirklich Chancen, dennoch; die Initiative hat mir gefallen. Wenn wir unseren Standort effektiv weiter bringen wollen, braucht es mutige Offensiven und neue Ideen die Leuchtturm-Charakter über die Ostschweiz hinaus haben. Diese Chance, so scheint es, wurde nun allerdings verpasst.

Welche wichtige Funktion könnte der Standort für die regionale Wirtschaft erfüllen? Was fehlt, was braucht`s zusätzlich?

Bruno Jäger: Die Gewerbe Unternehmen in der Region sind sehr gut vernetzt, dennoch sind sie sehr verstreut. Es wäre sinnvoll, wenn hier auch lokale Firmen Optionen erhalten, an dieser neu geschaffenen, gut erschlossenen Lage zahlbare Räume und Flächen anzumieten. Ein Ort, an dem unter den Firmen vermehrt Synergien genutzt werden können und das gemeinsame Unternehmertum gestärkt werden kann, wäre für die Region sicher ein Gewinn.

Eines der ersten Ziele der AGV ist gemäss Leitbild die Erhaltung bestehender und Schaffung neuer Arbeitsplätze. In Wil West sollen in den nächsten rund 25 Jahren 2000 qualifizierte Arbeitsplätze entstehen. Hat die Region dieses Wachstumspotential? Wenn ja, in welchen Bereichen und Branchen sehen Sie für die Region konkrete Wachstumschancen?

Bruno Jäger: Die Idee, vor allem neue High Tech Firmen in Wil West anzusiedeln, bei denen alle Mitarbeitenden mit dem Velo oder Bus zur Arbeit kommen, ist zwar nett, aber kaum die alleinig selig machende Lösung. Wil West muss auch aus der Region wachsen. Wenn wir die zusätzlichen, wichtigen Arbeitsplätze schaffen wollen, so müssen wir auf die Segmente bauen, in denen wir lokal unser Fundament an Fachkräften haben. Konkret muss für auch produzierende Unternehmen und für gewerbliche Dienstleister eine Perspektive in auf dem Areal geschaffen werden. 

Investitionsprojekte in dieser Grösse brauchen die Unterstützung von Bevölkerung und Wirtschaft. Was sind Ihre Argumente dafür, dass die Region weiter in Wachstum investieren soll?

Bruno Jäger: Tatsächlich sinkt die Wachstumsakzeptanz in der Bevölkerung. Damit die Politik die Bevölkerung für einen weiteren Schritt nach vorne gewinnen kann, muss sie in verstehbaren und schlüssigen Konzepten aufzeigen, wie sie die Themen Wachstum und zusätzliches Verkehrsaufkommen sinnvoll vereinen kann.  Wenn Wachstum nicht willkürlich um jeden Preis passiert, sondern auf Basis einer klaren Strategie erfolgt, wird auch die Wirtschaft und die Bevölkerung mitziehen. Verdichtetes Bauen wird sicher wichtig, unumgänglich sein, wenn die Region ihre Zukunft plant. 

Die Region Wil liegt auf der Achse Zürich – Winterthur – St. Gallen und steht somit im harten Standortwettbewerb. Welche Argumente sprechen in diesem Kontext für eine starke Region Wil?

Bruno Jäger: Zusammenfassend ist die Region Wil sehr zentral gelegen und gut erschlossen, man ist von hier überall schnell. Wir verfügen über schöne Wohnlagen, gute Schulen und über gute und zuverlässige Fachkräfte mit einer guten und fundierten Berufsausbildung. Wir sind sicher eine Region mit viel Potential und wenn wir selbstbewusst und mutig vorangehen und bereit sind, mutig etwas Neues auf die Beine zu stellen, bleiben wir auch langfristig konkurrenzfähig. Vorausgesetzt wir bekommen das Verkehrsproblem in den Griff und dabei spielt die Realisierung der Grünaustrasse eine sehr wichtige Rolle.